Du hast Berufserfahrung.
Du hast schwierige Situationen gemeistert, Verantwortung übernommen, Probleme gelöst und wahrscheinlich schon einiges erreicht.
Und trotzdem schießt dir vor einer Präsentation, einem neuen Projekt oder einer größeren Aufgabe plötzlich durch den Kopf:
„Hoffentlich merken die nicht, dass ich eigentlich gar nicht so gut bin.“
Willkommen im ziemlich absurden Widerspruch zwischen objektiver Kompetenz und subjektivem Zweifel.
Der Begriff Imposter-Syndrom beschreibt genau dieses Phänomen: Menschen können ihre eigenen Fähigkeiten und Erfolge nur schwer annehmen und erklären Erfolge beispielsweise mit Glück, Fleiß oder günstigen Umständen – statt mit der eigenen Kompetenz.
Besonders perfide daran:
Je mehr du kannst, desto mehr weißt du oft auch darüber, was du noch nicht kannst.
Und genau daraus kann eine unangenehme Spirale entstehen.
Selbstzweifel sehen im Berufsalltag oft erstaunlich professionell aus
Imposter-Gefühle erkennt man nicht unbedingt daran, dass jemand unsicher in der Ecke sitzt.
Ganz im Gegenteil.
Sie können so aussehen:
Du bereitest dich auf ein Meeting doppelt so lange vor wie nötig.
Du kontrollierst deine Arbeit noch einmal und noch einmal.
Du sagst lieber nichts, solange du dir nicht hundertprozentig sicher bist.
Du spielst deinen Erfolg herunter:
„Ach, das war doch nichts Besonderes.“
Du vergleichst dich mit Menschen, die auf einem Gebiet stärker sind als du - und blendest dabei aus, was du selbst längst kannst.
Oder du denkst nach einer Beförderung nicht:
„Ich habe mir das erarbeitet.“
Sondern:
„Jetzt muss ich erst beweisen, dass die Entscheidung richtig war.“
Das Problem ist also nicht fehlende Kompetenz.
Das Problem ist, dass dein innerer Maßstab ständig weiterwandert.
Warum noch mehr Leistung das Problem meistens nicht löst
Das ist einer der häufigsten Denkfehler:
„Wenn ich noch besser werde, fühle ich mich irgendwann endlich sicher.“
Also kommt noch eine Weiterbildung dazu.
Noch gründlichere Vorbereitung.
Noch mehr Arbeit.
Noch ein Zertifikat.
Kurzfristig beruhigt das zwar, doch langfristig lernt dein Kopf möglicherweise aber etwas ganz anderes:
„Gut genug bin ich offenbar erst, wenn ich mich maximal anstrenge.“
Genau deshalb lässt sich Selbstvertrauen nicht einfach durch noch mehr Leistung produzieren.
Du musst lernen, deine vorhandene Kompetenz realistischer wahrzunehmen.
Drei Fragen, die dabei helfen können
Wenn du dich das nächste Mal bei einem klassischen „Ich bin nicht gut genug“-Gedanken erwischst, prüfe ihn.
Welche konkreten Fakten sprechen dafür, dass ich dieser Aufgabe gewachsen bin?
Nicht Gefühl. Fakten.
Welche Erfahrung hast du? Was hast du bereits geschafft? Wer vertraut dir Verantwortung an? Welche Probleme hast du schon gelöst?
Dann:
Welchen Maßstab lege ich gerade an mich an? Würde ich denselben Maßstab auch an eine Kollegin anlegen?
Hier wird es häufig spannend.
Und schließlich:
Was würde ich jetzt tun, wenn ich nicht erst beweisen müsste, dass ich gut genug bin?
Vielleicht würdest du dich melden.
Die Idee aussprechen.
Eine Aufgabe übernehmen.
Ein Gespräch führen.
Oder endlich aufhören, dich für etwas zu rechtfertigen, das du längst kannst.
Selbstvertrauen bedeutet nicht, nie mehr zu zweifeln
Das wäre unrealistisch.
Auch souveräne Menschen kennen Unsicherheit.
Der Unterschied ist:
Sie betrachten einen Zweifel nicht automatisch als Wahrheit.
Du kannst denken:
„Schaffe ich das wirklich?“
… und trotzdem handeln.
Du kannst nervös sein und trotzdem souverän auftreten.
Du kannst noch nicht alles wissen und trotzdem kompetent sein.
Gerade nach vielen Berufsjahren geht es deshalb häufig gar nicht darum, noch mehr aus dir herauszuholen.
Es geht darum, deinen eigenen Wert nicht ständig neu beweisen zu müssen.
Und das ist eine ganz andere Aufgabe.